Ikebana-Seminar der Ohara-Studiogruppe Nordwestdeutschland in Leer mit René Mutti
10. bis 12. Juni 2016


Der diesjährige Höhepunkt in unserer Studiogruppe Nordwestdeutschland war das dreitägige Seminar des Ohara-Großmeisters René Mutti aus der Schweiz.
Erwartungsvoll trafen sich 15 „Ikebanistinnen“, teilweise aus dem Süden Deutschlands angereist, in gut vorbereiteten Räumlichkeiten.
Zu Beginn erklärte uns René Mutti , dass „Lehrer und Meister häufiger Grundformen mit gutem Material arbeiten sollten“. Da in diesen Basisformen die ursprünglichen Ideen des Ikebana zu finden sind, sollten diese Gestaltungen nicht in Vergessenheit geraten. So starteten wir mit der geneigten Form im Moribana - dem slanting style - mit 5 Mispelzweigen, 3 Rosen und Frauenmantel.

Diese Form, sowie alle folgenden, demonstrierte und erklärte uns der Meister mit großer Professionalität und Ruhe. So gab es Hinweise: zum sorgfältigen Ausschneiden der Zweige, zur genauen Stellung der Fußpunkte auf dem Kenzan (2 Kenzan lassen Formen leichter und luftiger erscheinen), zum Gesamt-Rhythmus, wobei hoch/tief und innen/außen berücksichtigt sein sollte.
Zu den Größen der Rosenblütenköpfe wählte Herr Mutti ein sehr anschauliches Bild: die mittelgroße Kyaku-Rose verglich er mit der Gegenwart, während die kurze, aufgeblühte Rose die Vergangenheit symbolisiert und der lange, knospige Rosenfüller die Zukunft anzeigt.
Die Schönheit der eigentlich einfachen Grundform begeisterte uns.


Die zweite Lektion beinhaltete die aufrechte Form in der Vase. Die Besonderheit dieser eleganten Komposition im Heika bestand aus nur einem Material, 5 weißen oder rosé farbenen Lilien. Hier lernten wir auf die Blätter zu schauen, die wichtiger waren als die Blüten. Der Berg der herausgeschnittenen Blätter wuchs, denn alle geknickten, sich überlappenden, herunterhängenden oder seitlich stehenden Blätter mussten entfernt werden. Zur Technik, insbesondere der Befestigung der Lilienstängel, gab es von René Mutti praxisnahe Tipps und den Hinweis „üben,üben,üben“.
Um zu den starken Linien der Lilien einen weichen Kontrast zu erzielen, wurden zum Schluss lange, gebündelte Naturgräser mit Rispen von vorn in die Anordnung gestellt. Das Ergebnis war beeindruckend!

Am zweiten Tag unseres Ikebana-Seminars stellte uns René Mutti zwei sehr unterschiedliche Aufgaben: Mawaru und eine realistische Landschaft.

Mawaru, eine Aufbauform des Hana isho (Blumendesign), kann in zwei Stilen gearbeitet werden. In der Spiralform wird von
klein nach groß" gearbeitet, Shu ist am höchsten und die Kyaku-Gruppe folgt auf Shu. Bei der konzentrischen Form werden alle Gruppen in gleicher Länge flach und tief gestaltet. Diese Anordnung, in einer kleineren Schale als in der Madoka gearbeitet, ist auch als Tischdekoration gut geeignet.

Ein paar Grundsätzlichkeiten gilt es zu beachten:

  • Der Untergrund/die Basis ist grün zu gestalten.
  • In der Mitte sollte Wasser zu sehen sein.
  • Die Form ist rund, alles dreht in eine Richtung.
  • Gearbeitet werden kann sowohl Ton in Ton, als auch in Kontrastfarben.
  • Nicht mehr als 5 Materialien einsetzen, dabei kräftiges und weiches mischen.
  • Nicht auf allen Kenzan das gleiche Material verwenden - erzeugt so Spannung.
Aus der Vielzahl der angebotenen Blüten und Blätter entstanden farblich sehr unterschiedliche Kombinationen. Allen gemein war ein leichter, fröhlicher vorsommerlicher Charakter.

Für die realistische Landschaft im Nahblick wurde uns unzähliges Material zur Verfügung gestellt. Enno Krause und René Mutti folgten nämlich der Ohara-Devise - „Ikebana machst du mit den Füßen“ - und trugen aus den Gärten Leers und der umliegenden ostfriesischen Fluss- und Grabenlandschaft passendes, teilweise ungewöhnliches Pflanzenmaterial zusammen. Wann arbeitet man schon mit dem „ästigen Igelkolben oder dem Habichtskraut“? Wir setzen sogar neun Materialien ein und mit diesen Pflanzen wuchsen in unseren Schalen Landschaftsausschnitte, wie sie an Ufern der norddeutschen Wasserläufe zu finden sind.

Auch für diese Gestaltung hielt der Meister ein symbolisches Bild bereit. Er verglich die Landschaft mit dem Aufbau im Theater, bestehend aus - Bühne - Kulisse - Primadonna. Dieses Bild half uns René Mutti umzusetzen bei seiner sehr geduldigen und individuellen Korrektur unserer Arrangements.
Manche Landschaften waren so realistisch, dass kleine Häuschen-Schnecken am Schilf kriechend zu entdecken waren.

Anke Helm-Brandau für den 1. und 2. Seminartag


Bunjin in der Schale
Gleich mit den ersten Worten, denen wir am Sonntagmorgen an unserem dritten Seminartag erwartungsvoll lauschten, verstärkte Grandmaster René Mutti unseren Respekt für die Gestaltung des geplanten Bunjin-Moribana: „Dies ist die Königsdisziplin des Ohara-Ikebana, das ´pièce de résistance´ für die höchste Klasse der Lehrer und Meister. Da gibt es viel zu lesen, zu studieren.“
Und dann erläuterte er:
Der dritte Headmaster Ohara Hôun hat Gedanken der Literati/Bunjin (bun-Literatur, jin - Mensch) auf die Gestaltung des Ikebana übertragen. Die Literati trafen sich zum philosophischen Austausch über Politisches, Gesellschaftliches, Ästhetisches. Sie arrangierten Pflanzen, um sich respektvoll mit ihnen auseinander zu setzen, ihrer Charakteristik, ihrer Persönlichkeit, ihren Farben, ihrem Duft in seiner Flüchtigkeit, ihrem Wandel im Zyklus der Jahreszeiten, und um sie in ihrer ganzen Ausstrahlungskraft zu malen. Starker Duft oder gar Tabakrauch im Raum waren ebenso verpönt wie blinkender Schmuck, denn nichts sollte die Wirkung der Pflanzen beeinträchtigen.
Für die Ikebana-Übenden heißt es daher, die philosophischen Gedanken nach zu vollziehen, die klassische chinesische Literatur, die Malerei besonders der Südlichen Sung-Schule und natürlich intensiv die Pflanzen selbst zu studieren.
Das Bunjin-cho ist eigentlich kein Stil. Verwendet werden dafür ausschließlich Pflanzen chinesischer Herkunft, die in einem chinesischen Gefäß platziert werden „wie gemalt, also nicht flach“ (R.M.), so wie sie sich - allerdings in gerade besonders schöner oder interessanter ihrem Charakter entsprechender Weise - zeigen. Dabei ist es wichtig, den aktuellen Zeitpunkt in der Jahreszeit und gleichzeitig Wandel und Vergänglichkeit zumindest anzudeuten.
So lenkte Herr Mutti unsere Aufmerksamkeit beim Demonstrieren eines Beispiel-Arrangements z.B. auf die verschiedenen Stadien der Fruchtbildung bei Rhododendron, von letzten Knospen zu letzten Blüten, über Halbverblühtes bis zu Staubfäden und -beuteln sowie schließlich dem bereits entstehenden Fruchtstand, oder sogar der nicht mehr erblühten, nunmehr braun gewordenen Knospe, die vielen „ikebanistisch ein wenig herausgearbeiteten“ (R.M.) Möglichkeiten. Diese Vielfalt ergänzte er weiter mit Rhododendron-Zweigen, die mal noch einen ganz frischen hellgrünen Trieb sowie ältere, dunklere Blätter trugen, mal auch ein braunes oder ein von einem Insekt ein wenig angefressenes Blatt, oder auch eine Blattrückseite zeigten.
In den Bildern der Sung-Zeit-Maler sind häufig Wurzeln zu sehen. Um dem Arrangement (optische) Stabilität zu verleihen, verwendete Herr Mutti eine Wurzel, die ebenso zu den Seiten wie nach vorn und hinten aus der Schale ragen kann, wodurch sich ihre eventuell interessanten Linien hervor heben lassen, doch sollte das Holz nicht zu dominant sein, also ggf. mit Pflanzen etwas verborgen werden. Es „spielt eine eher untergeordnete Rolle, dient zum Hindurch sehen.“ (R.M.).
Zur Auswahl standen nun weiß blühende Phalaenopsis und Bromelien. Herr Mutti wählte eine zurückhaltende leicht rötlich schimmernde Bromelie als dennoch leuchtenden Akzent und setzte sie mitsamt ihrem Töpfchen in die Schale, das dann natürlich verdeckt wurde. Bei ihr zeigt man die Wurzel nicht, anders als bei der Orchidee, deren Wurzeln man - nachdem die Erde daraus entfernt ist - sogar über den Schalenrand hinaus laufend präsentiert. Bei beiden Pflanzen versucht man, die besondere Schönheit der Blätter hervor zu heben, d.h. geknickte oder beschädigte sind zu entfernen. Die Stängel der Orchideen sollen - vielleicht nur zu einer Seite geneigt - ganz natürlich stehen, also ohne die in Töpfen üblichen Halterungsstangen. „Die Blüten verbeugen sich, sie zeigen ihr Gesicht nicht.“ (R.M.) Herr Mutti akzentuierte sein Arrangement mit rosa- und rot blühenden Zweigen der wilden Himbeere, ergänzte es dann mit drei grünen Bambussprossen, um dem ganzen Höhe zu verleihen, und Blättern, wobei sowohl ein Teil der Schalenfläche als auch des Schalenrandes sichtbar bleiben sollen.
Es sind die vielen „Kleinigkeiten“, die immer neuen vom Auge zu entdeckenden Feinheiten, die „Luft dazwischen“ (R.M.), die Schönheit JETZT, die dieses - und ganz allgemein das - Bunjin-Arrangement zu etwas ganz Besonderem mach(t)en.

Heika - Free Style
Entscheidender Ausgangspunkt für Heika - Free Style ist das Gefäß. Herr Mutti stellte drei Beispiele vor:
die eher schmale, hohe Vase, in der ein „in die Höhe“ gearbeitetes Arrangement gut aussieht, allerdings auch eines, das mit bewusst unter den Vasenrand „fallenden“ Linien interessant sein kann;
die Kugelvase, in der stark in die Höhe führende Linien unproportioniert wirken würden, sich die Pflanzen also eher in einem als Kugel vorstellbarem Bereich oberhalb des Gefäßes ausbreiten sollten. Außerdem gehören in die Kugelvase kräftige Pflanzen, (ausschließlich) Zartes ermöglicht keine Balance;
die moderne Vase, in der es sich realistisch oder non-realistisch arbeiten lässt, also z.B. ihrem Wuchs entsprechend mit nach oben strebenden Zweigen oder im Gegensatz dazu mit nicht dem Wuchs entsprechenden horizontal verlaufenden Linien.
Dabei ist die Pflanzenauswahl sehr wichtig. Die Pflanzen werden für das Gefäß zusammengestellt.
René Mutti arrangierte bemooste Fliederzweige zusammen mit Blättern und Blütenstielen der wilden gelben Iris sowie Gelbweiderich/Lysimachia in einer hohen Vase mit dem Ziel „ein landschaftliches Gefühl“ (R.M.) zu erzeugen. Dabei blieb ein Drittel der Vase leer und sichtbar. Den dicken Hauptzweig brach er im Winkel an, um ihn gleich als Halterung zu nutzen, und empfahl, diese möglicherweise künftige Funktion eines Zweiges grundsätzlich schon beim (Be-)Schneiden zu berücksichtigen. Mit einem abwärts laufenden Zweig verdeckte er zum einen einen Teil der Vase und stellte zum anderen eine Verbindung zwischen ihr und den Pflanzen her.
Da bei dieser Arbeit völlig verschiedene Gefäße verwendet und entsprechend ganz unterschiedliche Pflanzen ausgewählt wurden, erhielten wir bei der Korrektur viele, aber eben speziell für das einzelne Arrangement gültige Hinweise - oft genug vom heiter entspannten Lachen aller begleitet - , von denen einige erwähnt sein sollen:
  • „Man denkt manchmal viel zu viel an die Farben. Gucken – nicht denken!“
  • „Die Herausforderung des Nachmittags: Erstaunen!“
  • „Füllmaterial in die Vase von vorn nach hinten stecken!“
  • „Vasenmasse braucht Masse an der Basis, dann können die Linien laufen.“
  • „Blumen bei modernen Arrangements nicht einzeln als Blüten verteilen sondern als Fokus-Punkt zusammensetzen!“
  • „Ginster - stark und leicht.“
  • „Schon beim Schneiden bedenken: Was möchte dieser Zweig? Was kann dieser Zweig?“
  • „Manch mal braucht es einfach einen kleinen ´Pfiff´“, einen Zweig, der gegen alles Gewohnte läuft.
  • „Schwere Vase - kraftvolles Material, leichte Vase - leichtes Material, moderne Vase modernes Arrangement - am wichtigsten ist die Vase:    Sie sagt uns, was sie kann. Sie sagt uns, was sie will. Die Vase entscheidet, was ich will.“
  • Und auch - zwischendurch - eine schüchterne Frage zur (eigenen) Arbeit: „Wird denn das halten?“ - „Aber natürlich!!“ und tröstend: „Es ist wirklich eine schwierige Vase.“
Die Ruhe und Sicherheit, die Herr Mutti hier mit so wenig Worten vermittelte, zogen sich durch die gesamten drei Seminartage und ermöglichten konzentriertes Arbeiten und stille Freude gleichermaßen. Drei schöne, angefüllte Tage - nur - „ein weiter Weg bleibt. Die andauernde Herausforderung zu üben, üben, üben“, sagt Herr Mutti, und viele Ideen und Gedanken, die wir mitnehmen durften, die wir sehr gerne weiter verfolgen werden.
Ganz vielen lieben Dank an Herrn René Mutti!
Vielen, vielen Dank an Hannelore und Enno Krause für ihren unermüdlichen Einsatz bei der Seminar-Organisation und dem Besorgen der reichhaltigen Pflanzenauswahl!
Ein lieber Dank gilt auch vielen stillen Helfern, von denen ich Frau Ober stellvertretend hervorheben möchte, die in ihrer stillen, zurückhaltenden Art fast unauffällig für so vieles sorgte.

Christine Hamer für den 3. Seminartag