Seminar am 12./13. November 2011 mit Marcel Vrignaud in Leer

So eine Persönlichkeit bringt Ikebana weit herum. Erst vor kurzem hat Marcel Vrignaud ein Seminar auf Martinique abgehalten, vor drei Wochen noch in einem Nationalpark in den Abruzzen. Und am Wochenende des 12. und 13. Novembers 2011 durften wir ihn in Leer begrüßen. Marcel Vrignaud, der von der Ohara-Schule die sehr seltene Auszeichnung 'Großmeister' erhielt, kam mit seiner Frau Suzy im voll mit Material gefülltem Auto. 

Zur Gestaltung eines Freien Moribanas, Hana-kanade und einem weihnachtlichen Heika hatte er außergewöhnliches Material ausgewählt. 21 Teilnehmerinnen am Samstag und 18 am Sonntag ergründeten und genossen seine Arbeitsweise, Technik und Kreativität.  

Bei der Gestaltung eines Moribanas im Freien Stil stand das Herausstellen der Eigenart bzw. der Schönheit von Wurzeln im Mittelpunkt. Sie konnten als Hauptlinien angeordnet werden oder attraktive Füllerformationen bilden. Entscheidend war allerdings, dass kein skulpturales Werk entstand. Der Charakter eines Moribanas musste klar herausgearbeitet werden. Auch mit den Zweigen des Pfaffenhütchens mit ihren leuchtend gelb-orangen Beeren ließen sich shushi, fukushi und Füller exzellent nachempfinden oder individuelle Linien setzen. Farbe wurde in das Arrangement durch Einfügen von pinkroten Lilien eingebracht. Diese Farbe wurde durch geschicktes Integrieren der Calatheablätter mit ihren unterschiedlichen grün-braun-rot Farbtönen vertieft. Zudem verliehen sie der Arbeit im Zusammenhang mit den Pfaffenhütchen-Zweigen etwas Geheimnisvolles.

Mit Spannung und Neugier wurde am Samstagnachmittag der Gestaltung von Hana-kanade entgegen gesehen. Hana-kanade ist ein neuer floraler Blumenstil. Er wurde vom 5. Headmaster Ohara Hiroki entwickelt und im Rahmen seiner Meister-Ausstellung, die am 30. Mai 2011 begann, in Japan das erste Mal der Öffentlichkeit vorgestellt.

Nach den Ausführungen von Marcel Vrignaud kann Hana-kanade mit 'Opfergabe für Buddha' assoziiert werden. Zudem fließen florale Formen von Hans-isho und Hanamai mit ein. Es wird die Schönheit von Materialien herausgestellt, die miteinander in Wechselwirkung stehen, sich nach innen bewegen und miteinander kreuzen.

Die Hauptlinien shushi, fukushi und kyakushi wurden nach den Prinzipien für Moribana angeordnet, und zwar jede der drei Hauptlinien auf einem individuellen Kenzan. Diese wurden im runden suiban so platziert, dass die Einsteckpunkte der drei Hauptlinien ein ungleichseitiges Dreieck mit einem rechten Winkel bildeten. Als Material standen Gladiolen und Miscanthus zur Verfügung. Welches der beiden als shushi, fukushi und kyakushi verwendet wurde, blieb dem Einzelnen überlassen. Wichtig war, dass ihre festgelegten Längen eingehalten wurden. Ein Kreuzen der drei Hauptlinien musste herausgearbeitet werden und die Spitzen der Hauptlinien dabei ein Dreieck mit rechtem Winkel, ähnlich dem an der Basis, bilden. Weitere Miscanthus-Stiele und Gladiolen wurden angemessen als Füller gesetzt.

Nachfolgend wurden zur Vollendung dieser Form an den Basen der drei Hauptlinien grüne Chrysanthemen mit ihren Blättern und Lederfarn im Auf und Ab gesetzt. Hier flossen die Prinzipien für Mawaru (Hana-isho Aufbauform) ein. Die Basisfarbe Grün kam zum Tragen. Zudem wurden die Kenzane verdeckt, und in der Mitte konnte die Wasserfläche betrachtet werden. Die seitliche Begrenzung dieser Form wurde zylinderförmig durch den Durchmesser der Schale vorgegeben.

Die Gestaltung eines Freien Heikas am Sonntagvormittag mit buntblättrigen Ilexzweigen, Cotoneaster, Cordyline-Blätter, roten Anthurien und weiß präparierten Birken mit Schneeeffekt, passend zur europäischen Weihnachtszeit, war wieder einmal eine exzellente Gelegenheit, gleichzeitig aber auch eine Herausforderung, das Material in der Vase anzuordnen. Bei Marcel Vrignaud wirkte es wie ein Kinderspiel, bei der eigenen Durchführung zeigten sich die Tücken mit der Befestigung. Bambus-Spießchen als Halter in den eingeschlitzten Hauptzweig so einzusetzen, dass er bombenfest mit dem Stiel  verbunden ist, klappte nicht immer auf Anhieb. Die vorbehandelten Birken ließen sich außerordentlich gut biegen und formen, so dass interessante Linien oder Massepunkte damit gesetzt werden konnten. Durch die unermüdliche Hilfe, Erklärungen und praktischer Anleitung beim Befestigen der Zweige erteilte Marcel Vrignaud Individualunterricht im großen Maß. Danke dafür.

Mit nicht alltäglichem Material erlebten wir ein einzigartiges Seminar. Dass es so harmonisch ablaufen konnte, war auch seiner Frau Suzy zu verdanken. Wie von Zauberhand verstand sie es, die einzelnen Arbeitsplätze mit dem erforderlichen Pflanzenmaterial zu versehen. Sie ging Marcel stillschweigend zur Hand. Dabei verdeutlichte sich, wie eng beide aufeinander eingespielt sind.

Das Bedauern über das Ende des Seminars wurde etwas gemildert: Marcel Vrignaud gab am Sonntagnachmittag unter Assistenz von seiner Frau Suzy eine Ikebana-Demonstration.

Bei allen Teilnehmern stellte sich Dankbarkeit ein, dass Hannelore und Enno Krause wieder die Arbeit auf sich genommen hatten, dieses Seminar zu realisieren. Sie haben eine Achse Paris – Leer geschaffen, die sich vertiefen wird. Danke!

Dr. Bärbel Hollmann