Wochenend-Seminar der Ohara-Studiogruppe Nordwestdeutschland, Leer,
11. / 12. Feb. 2017

mit Annelie Wagner

Am zweiten Wochenende im Februar 2017 trafen sich die Ikebanafreunde zu einem Seminar mit Frau Annelie Wagner. Das Thema versprach schon interessante Tage „1. Realistischer freier Stil und non-realistischer freier Stil. 2. Was besagt das ‘Ikebana-Gefühl’? Der Versuch einer Annäherung in Theorie und Praxis.“

Am ersten Tag wurde zunächst ein klassisches Heika gefertigt und danach eine moderne Form in einer modernen Vase. Die Unterschiede in der Gestaltung von klassischen und modernen Gestecken wurden ausführlich besprochen und die einzelnen Stadien der Abstraktion eingehend erläutert. Im anschaulichen Infomaterial gab es hierzu in Bild und Farbe ausführliche Informationen zu den einzelnen Stadien der Gestaltung.

Im realistischen Stil werden zunächst Materialien genutzt, die es in dieser Zusammensetzung auch in der Natur gibt und danach werden Materialien kombiniert, die in dieser Form nicht zusammen wachsen würden. Der non-realistische Stil zeichnet sich dadurch aus, dass das Material die Besonderheiten des Gefäßes aufnimmt und insbesondere auf Linien-, Form- und Massenverhältnisse geachtet wird. Als Beispiel zeigte Frau Annelie Wagner die abstrakten Gemälde von Wassily Kandinsky, in denen der Maler mit Bedacht Linien, Formen, Massen und Farben zueinander in Beziehung gesetzt hat. Mir ist deutlich geworden, in welchen Abstufungen ein klassisches Gesteck sich langsam in ein modernes und schließlich in eine Skulptur wandeln kann.

Am zweiten Tag wurde in einer Glasschale eine klassische Landschaft gesteckt; am Nachmittag ein modernes Arrangement in zwei Glasgefäßen. Frau Wagner zeigte uns, wie sich durch den Einsatz von verschiedenen Materialien Bedeutung und Aussage der Gestecke verändert. Für ein klassisches Gesteck werden wieder Pflanzen genommen, die zusammen vorkommen. Eine erste Abstraktion erfolgt wieder durch die Verwendung von Material, das in der Natur nicht zusammen wachsen würde. In einem modernen Gesteck werden die Form und die Eigenheiten des Gefäßes einbezogen. Zudem werden Linien abstrahiert, wobei das Zusammenspiel von Linie, Farbe und Fläche bedeutsam wird. In der Skulptur werden Gefäß und Gestaltung eins. Auch hier wurden anhand des guten Bildmaterials in der Seminarmappe eindrückliche Beispiele für die einzelnen Schritte gezeigt.

Damit aber noch nicht genug. Darüber hinaus war das Ikebana-Gefühl Thema. Frau Wagner schilderte Ihre Begeisterung, die ein Vortag von Headmaster Hiroki Ohara in Paris ausgelöst hat. Diesen Vortag nahm sie zum Anlass, über das „MA“ und Gestaltungsprinzipien zu referieren.

Zusammenfassend sagt Hiroki Ohara, dass folgende Punkte wichtig sind:

  1. Wesen und Schönheit einer Pflanze zeigen.

  2. Den Zweig und die Bewegung der Linie zeigen.

  3. Die Ästhetik der Addition und der Subtraktion gebrauchen.

  4. MA – der leere Raum – als die absolute Form zeigen.

  5. Die Ästhetik der Asymmetrie zeigen.

  6. Ikebana als eine Erfahrung verstehen, in der man sich selbst begegnet.

Für die Grundsätze der Gestaltung ist zu sagen, dass es kein eindeutiges Ikebana-Gefühl gibt. Die Ikebana-Meister korrigieren sich gegenseitig - oder wie Frau Wagner sagte: „man kann es immer noch besser machen“.

Frau Wagner gab uns aber einige wesentliche Regeln an die Hand, die zu berücksichtigen wären, wie z.B.:
  • Intention der Arbeit deutlich zeigen

  • Form des Gefäßes aufnehmen

  • Harmonie und Kontrast

  • Unterschiedliche Materialien

  • Das Auge benötigt etwas, um sich daran festzuhalten.“

  • Nicht addieren, sondern komponieren

  • Dominanz und Unterordnung

  • Bewegung herausarbeiten

  • Keine Konkurrenz: keine gleichen Längen, Winkel, Massen und Abstände

Insgesamt war es ein gutes und lehrreiches Seminar. Das Wochenende war bestens vorbereitet. Material in Vielfalt und Menge stand mehr als ausreichend zur Verfügung. Es gab eine sehr informative Seminarmappe und jeweils eine tolle Präsentation. Die Atmosphäre zwischen den Teilnehmern war sehr angenehm und konstruktiv. Frau Krause hatte alles gut vorbereitet und auch für Essen gesorgt. Schön, dass ich dabei sein durfte. Vielen Dank!

Bericht: Monika Braam
Fotos: Annelie Wagner