Seminar mit Annelie Wagner - 14./15. April 2012
Von dicken Knüppeln und winzigen Blüten


Die OHARA-STUDIOGRUPPE-NORDWESTDEUTSCHLAND hatte zum 14./15. April 2012 zu einem Ikebana Wochenende geladen. Annelie Wagner kam vom Rhein, um zwei Seminare zu leiten: „Befesti­gungstechniken“ – am Samstag, und „Miniaturen“ – am Sonntag. Zu den Ohara-Treibenden gesellten sich drei „Fremdlinge“ von den Sogetsu und Saga Goryu Schulen; Befestigungen sind schulübergreifend interessant und praktisch.

Annelie zeigte uns in einer Glasvase verblüffende Möglichkeiten zur Befestigung mit Schaschlikspießen und Zahnstochern. (Wir erfuhren nebenbei, dass sich Spieße aus Bambus besser eignen als die her­kömmlichen aus anderem Holz; die aus Bambus quellen nicht auf im Wasser.)

Die Befestigung am Ende des Zweiges kann quer, für flache Neigungen, oder längs, für steilere Nei­gungswinkel erfolgen. Die mehr oder weniger steile Neigung wird bestimmt durch die Länge des Befesti­gungsstabes. Der Zweig liegt auf dem Vasenrand auf oder auf einem quer in die Vase eingebrachten Hölzchen. Wenn ein Zweig drei Anlehnungspunkte hat, steht er (meistens) fest. Die Praxis lehrte uns nachher, dass es doch nicht ganz so einfach ist. Ein wenig Kenntnis von Physik – Kraft x Kraftarm = Last x Lastarm - war hilfreich.

Eine ausführlich gestaltete Seminarmappe bot sehr viel Anschauungsmaterial. Alle möglichen Befesti­gungen waren fotografiert und erläutert. Außer Stäbchen kann man mehr oder weniger dicke Zweige zu Hilfe nehmen: abflachen, einklemmen, andrahten, doppelt quer überkreuz, es gibt viele Möglichkeiten, den verflixten Zweig dahin zu bekommen, wo unser Ikebana-Verständnis ihn haben will.

Eine erste Übung in unseren mitgebrachten Glasvasen machten wir mit selbst mitgebrachten Zweigen, einfach! Es klappte, die Zweige blieben dort stehen, wo wir sie haben wollten!

Dann bekamen wir von Annelie präparierte Zweige: an ihrem Ende waren Gewichte aus dem Anglerbe­darf angebracht. Die schönsten Zweige in der Natur sind ja meistens unregelmäßig geformt und haben möglicherweise auch noch ihren Schwerpunkt am oberen Ende. Diese in eine stabile Lage zu arrangie­ren bereitet meistens große Probleme. Um das Drehmoment zu erfassen, sollten wir den Einschnittwin­kel so wählen, dass die Befestigung sich in der Vase nicht mehr bewegen konnte; so dass es dem Willen der Zweige, sich wegzudrehen, entgegenwirkte. Mit einem Zweig zum Üben klappte es schon einigerma­ßen, später beim Arrangieren, wenn sich mehrere Zweige in der Vase kreuzten, wurde es dann schon problematisch. Unter Anleitung von Annelie kamen wir aber alle zu schönen Ergebnissen.

Später zeigte sie uns dann, wie wir ganz dünne Zweige und sehr dicke Knüppel sicher auf einen Kenzan festmachen können: knicken, umwickeln, in Hohlstiele stecken, stützen, bündeln, anschrägen, ein­schneiden, annageln, auch hier gibt es für jedes Problem eine Lösung! Die Zeit reichte nicht aus, um alle Möglichkeiten zu demonstrieren, geschweige denn auszuprobieren. Anhand der Seminarmappe können wir aber zu Hause alles nachschlagen was wir brauchen!

Am Abend mussten Gastgeberin Hannelore Krause und ich Annelie förmlich von ihren Vorbereitungen wegtragen, sie fand kein Ende.

Am nächsten Tag wurde diese Begeisterung anschaulich: Miniaturen sind bezaubernde kleine Land­schaften.

In einer kleinen, flachen Schale, so ca. 12 x 17 cm groß, werden Hosun-Moribana-Landschaften darge­stellt nach Ohara-Tradition.

Der dritte Headmaster Houn Ohara hatte diese kleinen Landschaften 1978 kreiert mit Bonsai-Pflanzen. Da sie sich als zu teuer erwiesen, verlor Hosun-Moribana an Bedeutung. Seit 2001 spielt es in der Oha­ra-Schule wieder eine große Rolle. Im Hosun-Shakei werden Atmosphäre und Stimmung einer inter­essanten Landschaftsszene in kleiner Proportion und Reduktion der Vielfalt eingefangen. Das Arrangie­ren bedarf großer Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Liebe. Das Augenmerk wird auf Kontraste, die Wichtig­keit des Details und die Einheit der Aussage der Natürlichkeit gelegt.

In unserer Seminarmappe gab uns Annelie eine Liste von Strukturelementen, die zu beachten wären. Sie umfasst 23 Elemente! Und als letzter Hinweis: Arrangiere Dich selbst! Das hieß: Vieles Beachten mit größtmöglicher Gestaltungsfreiheit.

Annelie hatte viele verschiedene Arrangements vorbereitet. Nun ist eine Miniatur nicht einfach ein ver­kleinertes Moribana. Es ist mehr eine Reduktion, eine Besinnung auf das Wesentliche. Erstens sind die Gefäße in Größe, Form und Farbe reduzierter. Es gibt auch hier Fern-, Mittel- und Nahsicht aber mit we­niger, klein gewachsenem Material oder mit symbolischem Ersatzmaterial. Gut eignen sich kleine Topf­pflanzen und Steingartengewächse. Als Bodendecker eignen sich Petersilie, Asparagus u. ä.

Material hatte Annelie in Hülle und Fülle bereitgestellt. Topfpflanzen wurden „geplündert“, Asparagus hat­ten wir am Samstag arrangiert und die Reste behalten. Kleine Hölzer mit Moos oder vom Rheinufer konnten mit eingebaut werden und suggerierten so einen alten Baumbestand. In den Hinweisen, die vor­ab zugesandt worden waren, wurde vorgeschlagen eine Pinzette mitzubringen und die Brille nicht zu vergessen! Bei den winzigen Ästchen und Blümchen ein guter Vorschlag!

Annelie demonstrierte die Wirkung von verschieden-farbigen Dai’s, wie es die Aussage eines Arrange­ments verändern kann, ebenso wie die Wirkung eines Rahmens.

Anders als die reinen „Landschaften“ sind es bei den Miniaturen freiere Arrangements mit großen Kon­trasten. Möglichkeiten gibt es auch hier viele, u. a. in den Farben, im Hell/dunkel, viel/wenig oder in dem Stofflichkeitskontrast. Hier waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt.





Für das leckere Mittagessen und Kaffee und Kuchen wurde kaum Zeit genommen, ein Paar Bissen zwi­schendurch und schon war man wieder bei der Arbeit.

Danke an Annelie für die hervorragende Vorbereitung und Durchführung der Workshops, wir haben wie­der viel gelernt. Dank auch an Hannelore Krause und ihr Team, es war rundum gut gelungen!


Els Schnabel