Wochenend-Seminar der Ohara-Studiogruppe Nordwestdeutschland,

Leer, 21. / 22. 10. 2017
mit Godelieve Van den heuvels-Janssen und Greta Vervoort-Vervloesem, Präsidentin des Ohara Chapters Belgien

Ikebana muss man mit den Füßen machen“, so verlangte es der 3. Headmaster der Ohara Schu­le, Houn Ohara. Dass es auch „quatschnasse“ Füße sein dürften mit total aufgeweichten Schuhen, das hat er allerdings nicht erwähnt. Das ergibt sich so, wenn man für ein Wochenendseminar mit 16 bzw. 17 Teilnehmerinnen bei strömendem Regen Material in „Pagels Garten“ schneidet. Was macht man nicht alles für Ikebana!

Pagels Garten ist heute, zum Gedenken an den Staudenzüchter Ernst Pagels aus Leer, einem Schüler von Karl Förster, in der Obhut von u. a. Enno Krause. So sitzt unsere Studiogruppen-Leite­rin Hannelore Krause „an der Quelle“. Godelieve und Greta hatten viel schönes und uns zum Teil unbekanntes Material aus dem eigenen Garten mitgebracht, vieles war bestellt worden und der Rest stammte eben aus Pagels Garten, wie z. B. die blühenden Miscanthusgräser für unsere erste Arbeit. Uns stand so viel schönes unterschiedliches und vor allem natürlich gewachsenes Material zur Verfügung; dafür lohnten sich die nassen Füße allemal. Wir waren begeistert und dankbar für den Einsatz. Dem musste nun jede Teilnehmerin gerecht werden.

Vorgesehen waren für beide Tage jeweils zwei Arrangements:

Samstag:

- Freie Anordnung mit einem Material (Godelieve)
- Traditionelle Landschaft im Herbst (Greta).

Sonntag:

- Shohinka (Greta)
- Bunjin-Heika (Godelieve).


Zur Einstimmung auf die Freie Anordnung hatte Godelieve schon Arrangements aufgestellt, so z. B. ein Gefäß, das den Vollmond symbolisiert, arrangiert mit Miscanthus, oder einen Teller, auf dem rundherum unzählige Miscanthusblüten arrangiert waren. Diese Arbeit war sehr variabel. In ihrer verschmitzten Art zauberte Godelieve daraus mit einem Kürbis in der Mitte oder auch einer Maske eine Dekoration für Halloween, mit einem vergoldeten Stein ein Arrangement für die Weihnachts­zeit. Vor unseren Augen entstand in ihrer Demonstration dann eine Freie Anordnung mit Miscan­thus, auf die Jahreszeit bezogen, vom Herbstwind verweht und mit entsprechend verfärbten Blät­tern. Dann waren wir dran, ganz frei verschiedene Ideen zu verwirklichen. Voller Elan gingen wir an die Arbeit, und dann konnten wir uns „die Zähne ausbeißen“.
Was so einfach aussah, erforderte volle Konzentration, denn schnell tauchten Fragen auf: Wie sollte man mit diesem Material den Kenzan abdecken? oder wie konnte man die schmalen langen Blätter und Stiele so einstellen, dass sie in der gewünschten Position stehen blieben? Godelieve gab uns die notwendigen Tipps zum Arrangieren und Hinweise auf die Behandlung des Materials in Bezug auf Haltbarkeit. So hat­te dann doch jeder bald eine zufriedenstellende, von Godelieve korrigierte Arbeit vor sich stehen. Der Herbstwind wehte durch unseren Raum. Greta hatte in der Zwischenzeit Vorbereitungen für die 2. Arbeit am Nachmittag getroffen.

Nach dem Mittagessen ging es dann weiter mit Shakei-Moribana, Yoshiki-hon-i, Nahblick (der Tra­ditionellen Landschaft im Herbst mit gefallenen Ahornblättern). Dieses Arrangement gilt in der Oha­ra Schule als eines der poetischsten überhaupt. In englischer Sprache, die anerkennenswerterwei­se von der Teilnehmerin Christine Hamer für uns übersetzt wurde, gab Greta uns zunächst einen gut durchdachten Überblick über die Methoden der Ohara Schule, die entwickelt wurden, um die Natur in einem Arrangement widerzugeben.


Dabei ging sie auf die Unterscheidung der Jahreszei­ten, die Perspektive für die Darstellung und das Pflanzenmaterial ein, ehe sie zu der eigentlichen Aufgabe überging und uns das vorgesehene Arrangement demonstrierte, wobei sie auch hier auf alle wesentlichen Gesichtspunkte und Details einging. Ihre ausgezeichnete theoretische Zusam­menfassung zum Thema, die wir in einer Mappe zusammengestellt überreicht bekamen, erübrigt an dieser Stelle weitere Erklärungen. Geduldig und immer wieder Hinweise gebend korrigierte Greta intensiv unsere Arbeiten, bis uns zum Schluss aus jeder Anordnung der Herbst entgegenleuchtete. Das Blau des Enzians mit den rotgefärbten Ahornblättern dazu überstrahlte den regnerischen Tag vor unseren Fenstern. Nach dem Fotografieren und Aufräumen konnten wir zufrieden nach Hause fahren.

Am Sonntag ging es dann mit dem Shohinka in einem flachen Container bei Greta weiter. Auch hierzu fanden wir ausgezeichnete theoretische Grundlagen in ihrer Mappe. Darüber hinaus erklärte Greta die Abgrenzung des Shohinkas zum Shuko-bana und Chabana, allesamt, ebenso wie das Bunjin zum Freien Stil gehörend, wobei das Shohinka nicht zum Hauptbereich des Ohara Ikebanas zählt. Jedes dieser freien Arrangements hat seine speziellen Seiten, die es herauszuarbeiten und zu betonen gilt. Greta hatte unterschiedliche Arrangements vorbereitet, an denen sie sehr an­schaulich die Schwerpunkte des Shohinkas, wie z. B. Einfachheit, Reduzierung, leerer Raum, Ma­terialauswahl und -begrenzung, Farbe/Form, Harmonie/Kontrast, Pflanzenwachstum und -charak­ter, Gefäßwahl usw., erläuterte. Sehr gut erkannten wir an ihren Arrangements die unterschiedliche Wirkung des Pflanzenmaterials in verschiedenen Gefäßen. Den einzigartigen individuellen Charak­ter des Materials einzufangen und im Gefäß als kleines Arrangement widerzugeben verlangt vom Gestaltenden profunde Kenntnisse in Bezug auf Material, Technik und Kenntnis der Aspekte, den Geschmack der japanischen Schönheit betreffend. Nur so kann ein persönliches Ikebana entste­hen, das den individuellen Ausdruck des Gestalters zeigt. Shohinka ist nicht nur einfach ein in den Maßen verkleinertes Ikebana!

Wir bekamen jeder eine dunkelrote rispenartige Topforchidee (Dendrobie), deren Wurzeln wir ausgewaschen haben, um sie zu zeigen. Ansonsten stand uns zusätzlich ganz viel unterschiedli­ches Material zur freien Wahl zur Verfügung, aber welches drückte nun alle die im Vortrag genann­ten Kriterien aus und entsprach auch dem eigenen Ausdrucksvorhaben?. Darin bestand die Schwierigkeit. „Wer die Wahl hat, hat die Qual.“
Diese Arbeit war für mich die Spannendste, denn jede Teilnehmerin hatte ein eigenes individuelles Gefäß, kein Schulgefäß, mitgebracht. So entstanden wirklich ganz unterschiedliche Arbeiten. Selbst, wenn fast das gleiche Material verwendet worden war, war die Wirkung des Arrangements immer wieder anders. Greta hat natürlich mit ihrer intensiven Korrektur sehr zum Gelingen beige­tragen. Sie hatte hier wirklich viel zu tun, sei es, dass noch mehr reduziert werden musste, Material umgestellt oder gedreht werden musste oder besser andere Materialkombinationen ein schöneres Ergebnis zeigten. Dazu musste sie ja nicht nur Gefäß und Material in Einklang bringen, sondern auch erfassen, was die Gestalterin ausdrücken wollte. Bei so einer großen Gruppe und unter Zeit­druck habe ich ihre Ruhe und Gelassenheit bei der Korrektur bewundert. Das Fotografieren nahm dann einige Zeit in Anspruch, denn jeder wollte so viel wie möglich an unterschiedlichen Werken aufnehmen, zum Vorteil für Godelieve, die so ausreichend Zeit hatte, für ihre nächste Arbeit drei „Musterarrangements“ anzufertigen.

Um gleich auf diese Arrangements einzugehen: Aufgabe war ein Bunjin-Heika. Godelieve erläuter­te uns den geschichtlichen Hintergrund (das Arrangement basiert auf alter chinesicher Literatur und Malerei) und die allegorische Bedeutung, die in der Materialauswahl und -zusammenstellung liegt. Der poetische Geist chinesischer Literatur und Malerei soll im Bunjin-bana reflektiert werden (Stil und Eleganz). Godelieve hatte zur Veranschaulichung des Materials so gearbeitet, dass sie Material nur aus dem Geschäft, aus der Natur und dem Geschäft und nur aus der Natur arrangiert hatte.

Für uns war eine Materialauswahl bereitgestellt, z. B. Palmenblätter, lange weißblütige Lili­en, Gloriosa, hängende „Fuchsschwänze“ (Amaranth), unterschiedliches Zweig- und Grasmaterial usw. Da ein Bunjin im Material begrenzt ist (es sollten nicht mehr als drei Materialien verwendet werden), war auch für diese Aufgabe einiges an Überlegung nötig und man stand sinnend vor den vollen Eimern mit Pflanzenmaterial, um dann trotzdem noch während des Arrangierens einiges hin- und herzutragen und auszuprobieren. Schließlich war aber doch der Kampf mit der Technik ausge­standen und jeder konnte sein Arrangement zur Korrektur bereitstellen. Hier gab es auch für Gode­lieve etliches zu tun, denn ein Bunjin-bana soll seinen Charakter haben und nicht wie ein Heika wirken. Mit lockerer Hand und manchmal nur kleinen „Tricks“ gelang es Godelieve, unsere Werke ausdrucksstark zu machen. Zum Schluss durfte der Dai nicht vergessen werden, der unter jedes Bunjinarrangement gehört, dann konnte es ans Fotografieren und Aufräumen gehen. Ein schönes und lehrreiches Wochenende hatte mit dem Schlusswort unserer Studiogruppen-Leiterin und dem Überreichen je eines Geschenkpäckchens an Godelieve und Greta sein Ende gefunden.

An dieser Stelle möchte ich im Namen aller Teilnehmerinnen auch noch einmal ein herzliches Dan­keschön für so viel Engagement sagen; an die beiden Meisterinnen, die den weiten Weg aus Bel­gien auf sich genommen haben, an Hannelore Krause und ihren Mann Enno, die wie immer die Hauptlast der Vor- und Nachbereitung getragen haben und an alle, die zum Gelingen dieses Semi­nars beigetragen haben, sei es mit Übersetzungen, Fotografieren, Material besorgen, Mittagessen arrangieren usw.. Es hat sich gelohnt!


Hannelore Borchers
Fotos: Annelie Wagner